- Louis' Luftschloss
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Die friesische Kathedrale von Le Roy (geboren 1924) soll 200m hoch werden!
Man kann sagen, dass er mit Bällchen nach dem Mond schießt, dass er ein Traumtänzer ist, ein Erbauer von Luftschlössern. Aber dann wohl einer mit Tatkraft. Mit einem Brecheisen und einem Gummihammer als Gerätschaften und Klinkern und Kanalrohren als Bausteinen arbeitet Louis stetig an seiner Ökokathedrale in Mildam weiter.
Nein, sagt der Mann mit der Baskenmütze, Interviews geben, das mache er nicht. Weil seine Erzählungen Stunden dauern und da hat er die Zeit nicht mehr dafür. Er ist fast 80 und hat noch viel zu tun. "Aber geh doch ein Buch von mir kaufen," sagt er, "und steck deinen Kopf tief hinein. Alsdann hast du genügend Informationen, um gut zwanzig ‚Panoramas’ voll zu schreiben. So, dann mach ich mal weiter mit dem Bau."
Sie formen eine Landschaft, die der eine Besucher als märchenhaft erlebt und der andere gruselig und gespenstisch findetEr heißt Louis Le Roy und steht neben einem Berg aus Gehwegplatten und Straßenklinkern, der gerade etwas über das Plateau hinausreicht, worauf er an diesem Herbstmorgen, wie jeden Morgen, an der Arbeit ist. In der einen Hand hat er ein Brecheisen, in der anderen einen Gummihammer. Die durch ihn gebaute, massive Erhöhung aus Steinen, 20m mal 40m und 3 Meter hoch, steht am Anfang eines Waldes, der, was die Mannigfaltigkeit von Baum und Strauch betrifft, in den Niederlanden etwas Vergleichbares nicht hat. Die Flora ist jedoch nicht das Einzige, was den Wald einzigartig macht. Er steht auch noch voll von unfreundlich und bedeutungslos aussehenden Bauwerken aus Steinen. Mauern, Türme, Gänge, Wälle, manche 10 Meter hoch. Sie formen eine Landschaft, die der eine Besucher als märchenhaft erlebt und der andere gruselig und gespenstisch findet. Das sind die Fundamente der Ökokathedrale, an der Louis Le Roy baut.Die Ökokathedrale ist ein Bauwerk, das in Zusammenarbeit mit der Natur entstehen sollWir sind in Mildam, einem Weiler, der einen Kilometer oder vier östlich von Heerenveen liegt. Hier, auf einem Stück Land, das einst friesisches Weideland war, befindet sich seit bald vierzig Jahren das am längsten laufende Bauwerk der Niederlande. Und es ist vorläufig noch nicht fertig. Louis Le Roy redet über das Jahr 3000; vielleicht vollendet die Menschheit dann das, was er Mitte der 60er Jahre des 20.Jahrhunderts begonnen hat. "Die Ökokathedrale ist ein Bauwerk, das in Zusammenarbeit mit der Natur entstehen soll," sagt er später. "Die meisten Besucher finden das hier beim ersten Anblick eine Schweinerei. Wer aber genau schaut, durchschaut, dass ich ganz bewusst und sehr systematisch am Erschaffen eines Netzwerkes von Grundstrukturen bin. Das ist der Anfang, und alles wird stetig überbaut, endlos. Auch die Pflanzen wachsen darüber, das findet immerzu statt. Das ist das einzige Projekt der Welt, das bis zum Jahr 3000 andauert. Diese ganze Art zu Bauen hat die Welt übrigens noch nicht gesehen.Man muss nicht denken, dass bei Louis Le Roy eine Schraube locker ist. Dass er ein Traumtänzer und ein Erbauer von Traumschlössern ist. Sicher nicht.
"Und warum belle ich eigentlich? Weil in allen Erzählungen über mich stets bloß wieder verkehrte Dinge gesagt und geschrieben werden."Louis Le Roy ist ein überall anerkannter, bildender Künstler und Architekt und Gewinner vieler Fachpreise. Er hat Bücher geschrieben, und bis er das hat einige Jahre sich setzen lassen, war er ein gefragter Redner auf wissenschaftlichen Kongressen. An der Universität der deutschen Stadt Braunschweig hat man ihn in den 80er Jahren zum professor honoris causa ernannt, eine Ehrenprofessur. Kein Phantast und Zweifler, dieser Louis Le Roy, wohl einer von Gottes raren Kostgängern und als solcher zu pflegen wert. Das Salz im Brei der Menschheit. "Ich belle dich vielleicht etwas an," sagt er, "aber du musst zugeben, dass ich sehr unterhaltsam bellen kann. Und warum belle ich eigentlich? Weil in allen Erzählungen über mich stets bloß wieder verkehrte Dinge gesagt und geschrieben werden. Obwohl als Entschuldigung dafür auch gelten kann, dass es so schwierig ist, zu begreifen, was hier geschieht. Ein Professor aus Österreich kommt seit 20 Jahren her und beim letzten Mal sagte er mir: Endlich beginne ich zu durchblicken, was hier im Gange ist. Der begreift, dass meine Ökokathedrale eine endlose Erzählung in der Zeit und der Kultur ist." Während Louis Le Roy das alles sagt, ist es schon wieder eine halbe Stunde her, dass er ein Interview so entschieden abgelehnt hat. Bloß hat er danach seinen Mund noch keinen Moment gehalten, wiederholt schubst er den Journalisten, um seine Ablehnung herum zu gehen und er führt ihn letztlich persönlich in den Wald der Ökokathedrale ein. Täglich arbeitet Le Roy hier, ein Stein auf den anderen zu massiven Bauwerken stapelnd.Er hat seine drei Hektar Land 1963 gekauft. Es war Weideland, welches er willkürlich mit Sträuchern und Bäumchen bepflanzte, wo er zwischendurch planlos Hände voll Samen warf. So viele Jahre später schlängeln sich schmale Pfade durch einen prächtigen Wald aus Erlen, Haselnusssträuchern, Ahorn und Hain- und Weißbuchen. Die Bäume erheben sich aus einem dichten Gewächs von Farnpflanzen, Taubnesseln, Rhododendren, Ginster und Legionen kleineren Zeugs, wie Louis Le Roy diktiert und darauf achtet, dass wir das säuberlich aufschreiben: Scharbockskraut, ‚Frauenmantel’, Rainfarn, ‚Lebermoose’, wilde Klematis, Gundermann, Wolfstrape, Vogelmilch und spanische Bergpflänzchen. Der Wald mutet abwechseln märchenhaft und ziemlich schauderhaft an mit den Terrassen, Wällen und Türmen, die zwischen den Bäumen auftauchen. Zuweilen kommen mannshohe Pfeiler aus der dicken Blattschicht auf dem Boden hervor oder der Pfad führt durch ein Rechteck von moosbewachsenen, steinernen Balken, wo es erscheint, als ob wir in den Ausgrabungen einer mystischen, alten Zivilisation sind. Dann wieder erheben sich die Terrassen bis zu fünf Meter über die Sträucher, und sie sind, wie uneinnehmbare Festungen, abgesetzt mit massiven, vierseitigen, 10 Meter hohen Türmen. Alles was hier steht, ist gebaut aus Backsteinen, Gehwegplatten, Betonplatten, Gehwegbegrenzungen, Mauerstücken und anderem festen Zeug.
Alles war Le Roy willkommen: Klinker, Geröll, zerbrochene Steine, Gullydeckel, Kanalisationsrohre, kommt bloß her!Zunächst klaubte Louis Le Roy das hier und da selbst zusammen, aber 1983 fragte er in Heerenveen an, ob er künftig den Abfall der ‚Gemeentewerken’ (‚Stadtarbeiten’) haben könnte, das Restmaterial vom Straßen- und Wegebau und was sonst anfällt beim Abriss kommunaler Gebäude. Alles war Le Roy willkommen: Klinker, Geröll, zerbrochene Steine, Gullydeckel, Kanalisationsrohre, kommt bloß her! Und so ist es gekommen, dass seit beinahe 20 Jahren fast wöchentlich ein oder zwei Lastwagen auf das Land der Ökokathedrale in Mildam fahren und dort stets ungefähr sechs Tonnen Bauabfall abkippen. Eines Tages brachte man Le Roy selbst das komplette Fundament des abgerissenen Stadtgefängnisses von Heerenveen. Er schätzt, dass er in all den Jahren ungefähr 25.000 Tonnen Baumaterial für seine Ökokathedrale bekommen hat. Für nichts.Louis Le Roy ist in Amsterdam geboren und auf der Kunstakademie in Den Haag gewesen. Um sich ein Grundeinkommen zu verschaffen, zog der Maler in den 50er Jahren nach Heerenveen um, wo er Zeichenlehrer an einer Mittelschule wurde. Dem fügte er noch eine kleine Praktik als Landschaftsarchitekt hinzu, dabei der Philosophie vom Pflanzen und Säen folgend, aber alles ungestört wachsen und blühen zu lassen, und dann wird schon alles von selbst ganz gut. In den 70er Jahren waren Le Roys wilde Gärten sehr beliebt, bis in die Hauptstadt und das trendsensible Gooi hin. In Heerenveen bekommt er in dieser Zeit den Auftrag, im Zentrum ein Grundstück von anderthalb Kilometer Länge und 15 Meter Breite zu einer besonderen städtischen Grünanlage herzurichten. Das wurde ein langgestreckter wilder Garten mit gut 2.000 Pflanzenarten, der Le Roy die Ehrenbürgerschaft der Stadt einbrachte. Die Grünanlage hat die Ewigkeit jedoch nicht erreicht. Namentlich die berenklauwen (‚Bärenklauen’) griffen derart um sich, dass der Heerenveener Verkehr dort fast nicht mehr lang konnte. Die Gemeinde ist dann doch Schneiden und Mähen gegangen. Le Roy böse, einige Anwohner hingegen froh: das hat nun schon lang genug gedauert mit dem Unkraut vor ihren Nasen.
Der Baumeister schiebt mit seinem Brecheisen die Sträucher zur Seite und weist auf wieder solch ein außerirdisch aussehendes Plateau mit Türmen. "Schau," sagt er, " das wurde alles auf den Millimeter genau gebaut, ohne dass ich ein Körnchen Zement dazu gebrauchte. Die Türme dort habe ich vor zehn Jahren hingestellt und die bleiben tausend Jahre stehen. Die werden nie umfallen, was gewöhnliche Kirchtürme ab und zu wohl machen."Seine Ökokathedrale wird vielleicht gut 200 Meter hoch, denk Le Roy. Das hängt vom Einsatz der Leute ab, die nach seinem Tod den Bau übernehmen. Dafür ist die Stiftung Zeit gegründet worden, der Le Roy bereits sein Land und seine Bauwerke vermacht hat.
"Meine Ökokathedrale hat jedoch ein massives Bausystem. Das wandten die Khmer in Kambodscha auch an. Ihre Tempel sind häufig gut 80 Meter hoch, geh selbst nur schauen."Wenn seine Anhänger dem mit genauso viel Freude und Glauben entgegen gehen wie er selbst, wird die Höhe von 200 Metern sicher erreicht. Denn komplexe Systeme, wie hier im Mildamer Wald in der Entwicklung, sind immer grenzenlos. Die Kathedralen, auf die wir in Europa so stolz sind, konnten nicht höher als 45 Meter werden. "Noch etwas hinzu und der Kram donnert ineinander," Le Roy abschätzig. "Das kam dadurch, dass sie die Kreuzform als Grundlage gebrauchten und es ein räumliches Bauwerk war. Meine Ökokathedrale hat jedoch ein massives Bausystem. Das wandten die Khmer in Kambodscha auch an. Ihre Tempel sind häufig gut 80 Meter hoch, geh selbst nur schauen."Was wir an Le Roys Projekt sehen, das Zusammengehen des wilden Waldes und der Bauwerke, sorgt übrigens gerade mal für das Fundament der Ökokathedrale, so betont der Baumeister. Er schaut ein bisschen verwundert als er hört, dass wir nicht wirklich ein Bild vor Augen bekommen, was das eigentlich werden wird. "Die Menschen, die im Mittelalter die Grundlagen einer Kathedrale gelegt haben, sagten auch nichts," sagt der Baumeister. "Ein hoch komplexes System kann man nämlich nahezu nicht zeichnen, die Kathedralen haben sich im Laufe der Jahre einfach gefüllt. Dafür konnte man keinen Plan machen. Daher sind die Kathedralen auch alle so verschieden."
Louis Le Roy gibt den Gast einen Schubs und legt dann eine Hand auf seine Schultern. "Hör zu," sagt er, "ich baue hier eine große Sache auf, die letztlich von tausenden Menschen gemacht wird und Le Roy ist davon das Fundament. Nicht mehr. Letztendlich soll meine Ökokathedrale 200 Meter hoch werden und 60 Hektar in Beschlag nehmen. Aber das hat hier keinen Platz. Diese Ökokathedrale geht in die Welt ein. Und wenn wir das wissen, wird vielleicht die ganze Welt ein Komplex von Ökokathedralen in einem endlosen Bauprozess von 1.000 Jahren. Und ach, mein Junge, versuch das eigentlich bloß nicht zu begreifen, denn der Architekt begreift es selbst auch nicht."
"Pyramidenerbauer waren dumm"
Alles im Wald der Ökokathedrale ist mit den Händen gebaut. Louis Le Roy sagt stolz, dass nirgends eine Maschine zum Einsatz gekommen ist. Die einzigen Gerätschaften des Baumeisters sind ein Brecheisen und ein Gummihammer. Wenn er sehr schwere, für einen Menschen kaum bewegbare Brocken Stein versetzen will, rüttelt er mit seinem Brecheisen gewöhnlich ein PVC-Rohr unter und rollt sie an ihren Platz. So taten sie es in Ägypten beim Bau der Pyramiden auch, so meinte der Berichterstatter vom ‚Panorama’ gegenüber Louis Le Roy anmerken zu müssen. Um dann vom Kathedralenerbauer vorgehalten zu bekommen, dass er nie mit einem Pyramidenbauer verglichen werden will. "Die Ägypter waren dumm! Die hätten nur in all den Jahren, die das gekostet hat, ganz was anderes bauen können, als immer wieder solch eine Pyramide. So ein stummes Ding, ein Grabesmonument – wofür ist das nun gut? Ungefähr 40.000 Menschen haben 80 Jakre gestanden für eine Pyramide zu arbeiten. Und Herr Le Roy arbeitet 20 Jahre ganz allein mit zwei bloßen Händen und mit keiner Hilfe und hat damit all die Fundamente für eine ganze Ökokathedrale gelegt."Publiziert in die Holländischen Panorama #10, 2004. Von Aad Wagenaar. Übersetzung von Thomas Richard.





