- Kathedrale Befreiungsprinzipien
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Ziemlich viele Friesen sind über das Werk von Le Roy verärgert. Es ist nicht nett. Nichts wird straff zusammengehalten, noch wird, was frei ist, mit Netzen gefangen (Netz, wovon das Wort „nett“ abgeleitet ist).
Bei vielen ist die erste Reaktion die Überlegung eines tatkräftigen Impulses, das ganze Zeug einmal zu zerpflücken, auseinander zu reißen. Pfade wieder sichtbar zu machen, aus den gestapelten Mauern das Unkraut zu entfernen. Schneiden und absägen, wieder Licht hineinbringen. Klare Linien und Konturen. Und vor allem deutliche Grenzen.
Gestapelte Formen sind dadurch gleichzeitig Form und Formlosigkeit dank des Mangels an eindeutigen Begrenzungen.Nun ist das gerade nicht, was Le Roy´s Einbringen unmöglich macht. Ja, er hat Bauwerke gestapelt mit klaren Konturen, aber er verabsäumt Zement zu gebrauchen. Keine schwerfällige Statik, die erst explodieren muss, um dynamisch zu werden. Ein kleiner Samen von einem Baum kann eben mal dazwischengeweht werden, und damit Wurzeln in die örtliche Struktur entwickeln. Dieses Ereignis ist eingebaut.
Le Roy mauert nicht, er stapelt. Und sehen wir in so einem Bauwerk die Umrissform, sieht Le Roy gleichzeitig das innenliegende labyrinthartige Geflecht von untereinander verbundenen Spalten. Er weiß, was die Geometrie energiemäßig zuwege bringen kann. Was kann sich hier nicht alles verkriechen? Jeder Spalt hat eine andere Zusammenstellung an Feuchtigkeit, an Luftstrom. Mikronischen. Unendlich viele Mikronischen, vervielfacht mit der endlosen Zeit, worin sich der Prozess vollziehen kann. Gestapelte Formen sind dadurch gleichzeitig Form und Formlosigkeit dank des Mangels an eindeutigen Begrenzungen. Selbst die eindeutigste robusteste Form ist dadurch ein offenes System geworden. Ein aufnahmebereites System.
Die meisten Menschen haben ihre eigenen Spalten und Kanäle größtenteils verschlossen. Die Sehnsucht, um in Kontrolle zu sein, bewirkt, dass wir unsere Räume sicherstellen wollen. Und dadurch definieren wir klare Grenzen. Chaos im Büro ist das Gegenteil von Ordentlichkeit, Klarheit und deutlichen Grenzen. Du kannst die Konturen deines Büros kaum mehr erkennen. Und so geht es weiter. Klar definierte Blumenbeete. Im Gemüsegarten reihen sich Pflanzen in präzis 30 cm Abstand. Es ist aufgeräumt, ein Teppich auf dem Boden. Nüchterne Möbel. Sechs Jahre Grundschule, in Pension ab 65 Jahre. Immer saubere Grenzen; immer mehr gerade Linien. Häuserblöcke. Viereckige Grundstücke.Und dann kommst du als Bewohner von so einer Welt in die Ökokathedrale. Keine Form ist eine reine. Jede Form ist unterbrochen. So könnte man als „netter“ Mensch davon verrückt werden. Steine, die aus der Form gefallen sind, liegen nun auf dem Boden und sind wieder von Moos übernommen. Die herabgefallenen Steine laden ein nun aus der Form zu entkommen. Überall Einladungen, um mit den Formen in Wechselwirkung zu gehen. Wer in Kontrolle sein will, erfährt es als Eindringen von der Natur und die ungewisse Richtung von diesem Einwirken als unheimlich und bedrohend, und er soll es vielleicht oberflächlich ansehen als Eindringen von der Natur in die reine Form.
Aber Le Roy hat gerade alles getan, um die Wechselwirkung zu ermöglichen. Er stapelt immer. Le Roy nennt es dann auch nicht ein Eindringen. Er versucht nicht gegenzuhalten. Er kann nicht warten, bis die ersten Wechselwirkungen mit einer neuen Form starten. Wo kommt die erste Bewegung hervor, was geschieht danach? Die Zeit soll das lehren.Wer nett und damit in Kontrolle sein will und sich in der Ökokathedrale befindet mit dem Wunsch, dies erfahren zu können, wird garantiert aus der Fassung gebracht. Im Spiegel der Ökokathedrale sieht er die nicht erkannten und vergessenen Aspekte von sich selbst, das Gegenteil von seinem Verlangen nach Beherrschung und das damit korrespondierende Müssen. Für alle Zeiten müssen.
Das Gegenteil davon ist Lassen. Loslassen. Freies Herauslassen, Ausdruck. Wu wei. Nicht handeln. Er sieht seine eigene, ausgeschlossene und verdrängte Wirklichkeit, oder wohl sein latentes Potenzial. Dies kann eine erschütternde Erfahrung sein. Es kann wie ein Blitzstrahl sein.Wie dann auch, die Ökokathedrale gibt keine einzige Ermutigung zur Kontrolle und Beherrschung.
Und weil die Ökokathedrale keine ausdrückliche Etikettierung trägt, sich nicht auf festgelegte Themen bezieht, aber den Prozess von Einwirkung universell verdeutlicht, werden alle ausgeschlossenen Wirklichkeiten gleichzeitig eingeladen.Im Gegenteil, dauernd flüstert sie: „Komm doch“, „komm doch“. Und nicht nur wie die Spalten die Auswechslung zwischen Natur und Form möglich machen, so hat auch das Kontrollsystem so seine Spalten. Und präzis hierdurch beginnt die ausgeschlossene Wirklichkeit durchzusickern und macht sich erkennbar. Der Prozess, in dem die zwei komplementären Wirklichkeiten, die gewählte und die ausgeschlossene Wirklichkeit, beginnen zusammen zu arbeiten, ist nichts anderes als der Prozess von spontaner Heilung und Einswerdung – ohne Druck und Müssen. Und weil die Ökokathedrale keine ausdrückliche Etikettierung trägt, sich nicht auf festgelegte Themen bezieht, aber den Prozess von Einwirkung universell verdeutlicht, werden alle ausgeschlossenen Wirklichkeiten gleichzeitig eingeladen. Dort wo Heilung (Einswerdung) erreicht wird, auch dann, wenn gerade erst der Anfang ist, beginnt sie zu strömen. Die Grenzen zwischen den zwei Teilwirklichkeiten beginnen zu schmelzen. Sie beginnen wegzufallen. Und unterstützt durch die Einladung von dem Zulassen von der Ökokathedrale, erfährt der Kontrollierende das Lassen in Form von Zulassen. Er erfährt Stille, flüsternde oder brausende Ströme durch sein Leben, Wärme, Freude und Betroffenheit und weiß nicht warum.Dazufügen, stapeln ohne daran kleben zu bleiben. Darin ist kein Zwang. Keine Panzerung, keine Verkleidung. Durch die Wirklichkeit für das offene Einwirken können keine Polaritäten entstehen. Keine Absonderungen, die als Polaritäten betrachtet werden können. Und wo es keine Polaritäten gibt, kann alles frei strömen.
Deswegen ist Freiheit. Balance. Harmonie.
Freie Kreativität. Jede Idee kann verwirklicht werden, ob es nun eine Idee aus der Natur ist oder eine Idee vom Menschen. Und weil es keine Sprache ist von Widerstand und Gegnern, muss dann nicht gestritten werden, es muss nicht vorausgeschaut, vorausgeplant werden.
Es kann gespielt werden. Unter diesen Umständen kommt ein Mensch zur Ruhe und kann sich in dem Moment loslassen. Alle Sinnesorgane werden wach. Die breite Wahrnehmung wird aktiviert. Farben und Klänge kommen zu Leben. Und dann entfaltet sich in diesem Moment die Palette der Möglichkeiten. Jeder Schritt der Entfaltung bringt einen neuen Seinszustand, der sich wiederum natürlich entfaltet zu dem folgenden Seinszustand.
Jede väterliche visionäre Hinzufügung liefert eine mütterliche Ausgangsposition, Mal zu Mal, Schritt für Schritt. So hat sich die Ökokathedrale entwickelt und dieser geborgene Seinszustand katalysiert in seinem Geschehen diesen Zustand bei dem arglosen Besucher, dem das Haben aus der Welt des Tuns und dem Besitzen nicht bewusst ist. Er wird in eine Welt von Sein und Ganzheit hinübergestellt.Und dann werde ich in das dunkle geheimnisvolle Atelier mit der orangeroten Decke hineingeführt. Hier ist es still, etwas abgestandene Luft und es ist wenig Licht, auch wenn die Fensterflächen deutlich groß sind. Das soll in der Zeit als Le Roy hier seine Jause aß anders gewesen sein. Das überbordende Grün hat das Atelier nun eingeschlossen. Hier keine Spalten, keine sichtbare physische Einwirkung. Eine Stille so tief und überwältigend, dass meine Gedanken in ein Vakuum gesogen werden. Was in und um das Atelier geschehen ist, ist wahrscheinlich so selbstredend, dass es keine Formen zurückgelassen hat, keine Anker, keine Anziehungspunkte. Eben nichts, muss Le Roy gedacht haben nach Stunden körperlicher Arbeit. Du nimmst es wahr und da ist nichts, überhaupt nichts. Ich schaue nach den Objekten auf dem Tisch, den Malereien, dem Bärenklau. Eben doch, ich werde aber zurückgezogen in die Stille. Meine Sinne fallen nach und nach aus. Sprechen erscheint hier überdreht, als wenn du die Transparenz der Stille vernebeln würdest. Alle Manifestation fällt weg. Du fühlst: Alles ist Eitelkeit. Es ist keine passive Stille. Alle Bilder, alle Formen, jede Routine wird hier abgetötet. Es ist hier unmöglich, an einem Gedanken hängen zu bleiben. Es ist unmöglich, mich hier – mit was auch immer – zu identifizieren. Die Stille demaskiert mich. Ich fühle es. Die Schichten werden spontan abgeschält. Du wirst hier gereinigt, aufs Neue geboren. Ich widerstrebe nicht und lasse mich absterben.
Außerhalb des Fenster ist das Leben, die Vielfalt, die Ordnung von dem Chaos. Hier herrscht die Ordnung von der Stille. Nein, lass mich mal eben. Ich fühle mich hier auf eine merkwürdige Art zu Hause. Hier herrscht das Nichts, das Nichtmanifestierte, das Gebärmütterliche, die Stille als lebender Tod, das Vorangehende, die Quelle. Die Stille, in der sich die Dinge verwirklichen können.
Still komme ich nach draußen. Eine grüne Welt. Vogelstimmen. Blätterrauschen. Verwundert schaue ich um mich herum. Als ob es das erste Mal ist. Gerade heraus aus der Gebärmutter. Umgeben von dem beschirmenden Territorium des Grüns. Ich denke nicht. Ich bin, fühle mich sehr jung, unbefangen, sicher, verbunden.
Ja, ich kann mir vorstellen, dass jeder Stein für Le Roy immer wieder der erste Stein ist.
Die Zeit als das ewige Jetzt.Keine Grenzen, keine Polaritäten, keine festen Formen, kein Verhindern, keine Klammern. Sitzen, schauen, fühlen, sehen und hören. Keine Angst. Und dann: die natürliche Erkenntnis, das Wissen.Keine Grenzen, keine Polaritäten, keine festen Formen, kein Verhindern, keine Klammern. Sitzen, schauen, fühlen, sehen und hören. Keine Angst. Und dann: die natürliche Erkenntnis, das Wissen. Freie Imagination und Ausdruck, Entfaltung; zufügen, wahrnehmen, spielen, tanzen.
Das Leben mit seinem eigenen Wissen, im beständigen Rhythmus, in aller Selbstverständlichkeit in Bewegung, ohne Eile langsam und treffsicher, das Tempo verlangsamt durch das Gewicht vom Material. Unbehinderte Einwirkung, vorsichtig, in dem Moment, sich entfaltend in die Zeit – treppenlos, schrittlos, fließend. Liebe in bedingungsloser Form. Eine Schinto-Tänzerin könnte ihre lautlose Grazie hier nahtlos an Wissen zufügen.
Vergleiche dies einmal mit der Tausende Jahre alten Art wie Menschen versuchen zu sein: feste fokussierte Bilder und Ziele, Festhalten, Müssen, Wünschen, Tun, Auferlegen, Vorwärtskommen, Wegnehmen, Aufräumen, Aufbewahren, Verhindern, Beschützen, Verteidigen, Anhäufen. Immer beschäftigt mit Vergangenheit und Zukunft – oft ängstlich, blockiert und ausgebrannt.
Vor 30 Jahren formulierte ich in einem Untersuchungsbericht über (Landschafts-) Architektur das „ultimative“ Entwicklungsprinzip von „Autokristallisation“. Kurz: „Die lebende, pulsierende und vitale Erfahrung drückt sich spontan in der Form aus.“ Das war dann die Erfahrung von einem Menschen der sich übersättigt hat mit Grundbedingungen und Wahrnehmungen. Ein Mensch der in der Folge eine spontane Vision bekommt (und in der Folge auf einen Schlag seinen Willen einem Bereich aufzwingt).Le Roy geht weiter
Auch hier spielt „die lebende, pulsierende und vitale Erfahrung“ eine Rolle. Auch hier drückt sie sich in der Form aus. Aber der große Unterschied ist, dass hier jede Handlung eine Abhandlung ist von allem, was war. Es geht hier um das, was Saswitha die notwendige Handlung nennt, die ebenso visionär ist, aber gleichzeitig irdisch und durchgelebt. Es geht hier um einen Menschen, der vereinigt ist mit der Umgebung und der ausgehend vom Ganzen in die Mikrohandlung kommt, in Zusammenspiel mit der Natur und dabei keine Nebenwirkungen verursacht, die unerwünscht sind.
Er handelt dadurch als Handelnder und als Außenstehender nicht gegen die Umgebung. Er handelt innerhalb der Umgebung als Nichthandelnder aus lebender, nicht fokussierter Vorstellungskraft heraus, die sich natürlich entwickelt und entfaltet und nicht mit starren statischen Bildern arbeitet.
Die Ökokathedrale visualisiert eine Philosophie; so du willst, eine Religion des Lebens. Aber nicht als etwas fest Umschriebenes, als ein Bündel von Dogmen, sondern als Prozess. Religion verweist auf religare (lat. für Verbindungen herstellen). Religare war ursprünglich ein Prozess: der Prozess von untereinander Verbundenem. Das ist, was Le Roy macht. An allen Fronten.
Die lebenden Prinzipien haben sich hier in dem Gleichnis von der Ökokathedrale vom Verborgenen zum Ausdruck bringen können. Aber diese Prinzipien sind von so einem universellen Potenzial, dass sie als Anleitung dienen können auf jedem Gebiet, auf dem sich der Mensch zum Ausdruck bringen kann. Das ist keine in der Zukunft zu überprüfende Schlussfolgerung. Diese hervorbringenden Prinzipien haben sich bereits auf einer ganzen Reihe von scheinbar nicht verwandten Gebieten bewiesen.
Die Zeit ist nun reif um die Lehre aus dem ökokathedralen Gleichnis aus dem speziellen Fachgebiet aufzunehmen und sie in alle Windrichtungen ausströmen zu lassen. Am liebsten hautnah, begleitend an der Wiege, diesem Süd-Ost-Friesland. Dass sie Ausgangspunkte sein mögen für Projekte jeglichen Maßstabes. Dass sie in andere Bereiche einsickern mögen. Dass wir lernen hinzuzufügen und der Zeit ihre Arbeit lassen. Dann geht es um die ökokathedralen Prinzipien. Und weil die Prinzipien zur Verbindung, Heilung und Befreiung anleiten, nennen wir sie kathedrale Befreiungsprinzipien.
Auf dass sie mögen erstaunen, anregen und katalysieren.Peter Frank Huizinga, August 2009
Übersetzung aus dem Holländischen: János Béla Koppándy





