• Zeitgenosse Johan van der Zee
  • Jeden Dienstag Morgen gehe ich dorthin. Zur Yntzelaan in Mildam, weil dort die Kathedrale des Königs zu finden ist. Ein Märchen? Nein. Wenn ich sage, dass der König Louis Le Roy heißt, dann wird es schon deutlicher. Der Mann baut dort in Mildam eine "Ökokathedrale". Ein Bauwerk, in welchem Natur und Kultur aufeinander reagieren, ein Bau, der darum nie ‚fertig’ sein wird.

    Es schein kompliziert, ist aber eigentlich sehr einfach: wenn man einen Berg Steine in die Natur legt, dann sieht man dort im Verlaufe der Zeit sich allerhand Dinge verändern. Die Steine verfärben sich, eine dünne Schicht Moos wächst auf den Steinen, es wachsen Pflanzen zwischendurch, das bleibt niemals das Selbe. Aber man muss der Natur sehr wohl die Chance geben. Man darf die Natur nicht ausschließen durch das feste Aneinandermauern der Steine. Die Natur muss den Raum und die Zeit erhalten.

    Das ist seit Jahren das Prinzip von Louis G. Le Roy, der Mann, den ich nur einen Augenblick ‚den König’ nenne, seine Familie stammt aus Frankreich, und dort nennen sie den König ‚Le Roy’. Dieses Prinzip wandte er allseits an, damals in der Kennedylaan in Heerenveen machte er etwas, woran sich alle mitarbeiter von der Gemeinde in den Niederlanden erst gewöhnen mussten. Er stapelte Steine, machte damit Höhenunterschiede und ließ die Natur ihren Weg gehen. Das erregte Aufsehen. Le Roy trat im Fernsehprogramm ‚Signalement’ (‚Personenbeschreibung’) von van Vara auf, worin er eine Stunde die Gelegenheit bekam, seine Ideen vorzustellen. Er schrieb das Buch ‚Natur einschalten, Natur ausschalten’ , worüber Jan Blokker in seiner Kolumne schrieb: „Nun habe ich ein teures Buch gekauft, worin steht, dass ich nichts an meinem Garten machen darf, weggeworfenes Geld somit.“ Wenn jemand einen Haufen Steine in seinen Garten gemacht hat, hieß das schnell ein ‚Le Roy Garten’. Ich weiß noch, das mein Nachbar vor 35 Jahren fand, er könne seinen Abfall gut bei mir hinten in den Garten werfen, ich hatte immer so einen Garten.

    Auch nach außerhalb der Niederlande drangen die Ideen vom ‚sonderbaren Gärtner’ aus Oranjewoud durch. Dort genoss er Ansehen: er wurde besonders Hochschullehrer an deutschen Universitäten, er wurde gefragt, an der Einrichtung des Landes rings um einen neue Vorstadt von Paris mitzuarbeiten. überall in Europa schienen ‚Le Roy Gärten’ zu entstehen. Aber viele Projekte liefen auf eine Enttäuschung hinaus. Le Roy musste es zu oft alleine machen, was kein Wunder zu nennen ist, denn er ist ein schwieriger Mann. Nicht aufzuhalten in der Verkündung seiner Auffassung von Kultur, Natur und Zeit, ohne auf andere zu hören. Ein Mann der beschloss zu beweisen, was ein Mensch in Zusammenarbeit mit der Natur erreichen kann. Darum kaufte er drei Hektar Land an der Yntzelaan in Mildam. Gewöhnliches Weideland. Dort baute er eigenhändig ein Haus, welches er sein Atelier nannte und dort pflanzte er willkürlich an die einhundert Bäume. Er bekam die Gemeinde Heerenveen, dass das nach dem Anlegen von Straßen übrig bleibende Material in großen Lastwagen nach dem Land in Mildam gebracht wurde.

    Völlig alleine stapelte Le Roy die Straßensteine zu hohen Mauern, schleppte Gehwegbegrenzungen, und er sieht sogar Chancen, grosse Steinen mit Hilfe von metallenen oder plastischen Rohren von einem Platz zum anderen zu bekommen. Um zu beweisen, wozu ein Mensch in der Lage ist, aber vor allem, um zu sehen, was Natur und Zeit dieser Arbeit hinzufügen.

    Aber wenn die Zeit andauert, kann ein Mensch nicht alles leisten. Auch Le Roy sah das ein. Am 31. Oktober 2004 ist er 80 Jahre alt geworden. Daher hat er vor ein paar Jahren die Stiftung ‚Die Zeit’ gegründet. Eine Stiftung, die unter anderem dafür sorgen muss, dass bis in das Jahr 3000 an der Ökokathedrale dort in Mildam weitergearbeitet werden muss. Siebe Homminga macht das seit mehr als fünf Jahren. Er wohnt in Heerenveen, ist ein alter Kollege von Le Roy. Er war Lehrer für klassische Sprachen an der RSG, die Schule an der Le Roy Zeichenunterricht gab. Einen Tag in der Woche radelt er nach Mildam und stapelt und schleppt Steine. Es war die Absicht, dass im Jahre 2000 im Rahmen von "Simmer 2000" mehr Menschen an der Ökokathedrale mit einbezogen werden sollten. Das Land in Mildam wurde zum ‚Pilgerort’ ausgerufen. Besucher sollten an den Bauten mitarbeiten. Aber der Regen war Spielverderber.

    Nicht lange danach kam ich mit Le Roy und seiner Kathedrale in Kontakt. Ich war in meinem letzten Jahr bei ‚Van Gewest tot Gewest’ beschäftigt und wollte dieses besondere Projekt doch gerne noch einmal vorzeigen. Ging es auch hin und wieder einmal anschauen. Das letzte Mal, als ich Le Roy begegnete, war ich mit einem Kollegen und unser beider Frauen dort. „Was wollen Sie hier?“ war die Frage, gefolgt von „Was tun die Herren für den Unterhalt?“. Nach den Berufen der Frauen wurde nicht gefragt. Nicht gerade sehr einladend. Aber ich habe ihn angerufen. Wurde eingeladen, in Oranjewoud vorbei zu kommen. Bekam zu hören, dass so ein Programm dann doch mindestens eine Stunde dauern muss, und dass ich viel studieren würde müssen, um alles zu begreifen. Wir haben dann aber doch begonnen zu filmen, mit den Bäumen und Pflanzen, die dort zwischendurch wachsen. Ein Inka-Tempel sagen Menschen, die dort gewesen sind, ich muss an griechische Ruinen denken.

    Das Problem bei den Aufnahmen war Le Roy selbst. Er machte seine Erzählung so kompliziert, dass es gar nicht verständlich ist. Ich habe ihm letztlich zugerufen: „Aber warum machen sie das?“. Es kam eine Antwort: „Um zu verdeutlichen, dass Menschen in dieser durch Planer bestimmten Gesellschaft Raum erhalten müssen, um kreativ zu sein.“ Das war der Grund, dass ich ihn gefragt habe, dort mitarbeiten zu dürfen. Das ist der Grund, dass ich jetzt jeden Dienstag Morgen dorthin fahre. Um Steine zu schleppen, Mäuerchen zu bauen, mitzuarbeiten an einem Bauwerk, dass nie fertig sein soll.

    Le Roy kommt nicht mehr so häufig. Er hatte einen Unfall gehabt. Es ist ein Wunder, dass er noch lebt. Seine Lungen waren durchbohrt. Aber durch die Arbeit an der Ökokathedrale war er bärenstark geworden. „Sie haben die Lungen eines 18-jährigen Jungen“, sagten die Chirurgen. Als die Folgen von diesem Unfall gänzlich vorbei sind, kommt erschnell zurück. Denn ich sehe diesen Mann längst nicht mehr als einen ein wenig unwirschen und schüchternen Sonderling, der jeden auf seinem Land ein bisschen beleidigt. Ich weiß, dass das ein getriebener Mann mit einem Ideal ist. Die Ökokathedrale: ein Ort, wo jeder mit seiner kreativen Energie spielen kann.

    Am 30. Oktober 2004 kam eine japanische Tänzerin speziell aus New York nach Mildam, um zwischen den Steinen hindurch zu tanzen. Für den Geburtstag des Königs der ökokathedrale. Geh dort mal gucken. In Mildam kurz nach der Autowerkstatt Mevius links ab, gegenüber dem Haus mit dem Reetdach. Am Gartentor steht ‚Betreten auf eigenes Risiko’, aber mach es unbesorgt.

    Übersetzung von Thomas Richard